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Viennale-Kritiken
10/29/2019

Viennale Tag 4: Scheidungen mit Hindernissen

Am Montag waren bei der Viennale Besuche bei der Scheidungsanwältin hoch im Kurs.

von Oezguer Anil

Drei Filme aus drei verschiedenen Kontinenten, die sich alle um das Ende einer Ehe drehen - auch wenn das nach vielen Tränen und dramatischer Streichmusik klingt, sollte man hier nicht allzu schnell urteilen. Selten wurden die letzten Atemzüge von Beziehungen so skurril und witzig in Szene gesetzt wie hier.

Marriage Story

Nicole (Scarlett Johansson) und Charlies (Adam Driver) Ehe ist ein Trümmerhaufen. Das unglückliche Ehepaar lebt zusammen mit ihrem acht jährigen Sohn Henry in New York und hält sich mit Theaterproduktionen weit weg vom Broadway über Wasser. Als Nicole ihrem Ehemann eines Tages die Scheidungspapiere präsentiert, bricht ein erbitterter Sorgerechtsstreit zwischen den beiden fürsorglichen Eltern aus. „Marriage Story“ ist eine Tragikomödie, die vor allem durch ihre humorvollen Dialoge und liebenswürdigen Charaktere punkten kann. Das Lachen bleibt einem jedoch immer wieder im Hals stecken, da sich hier Stimmungen innerhalb einer Szene in Sekundenbruchteilen ändern können. Nach „The Meyerowitz Stories“ ist das die zweite Zusammenarbeit zwischen Noah Baumbach und Netflix. Trotz der Involvierung des Streaming-Giganten ist die entzückende Trennung von Nicole und Charlie ab 22. November in den österreichischen Kinos zusehen. 

Nächste Vorführung: 31.10 um 20:15 im Gartenbaukino

Tommaso

In „Tommaso“ begleiten wir einen amerikanischen Künstler durch sein chaotisches leben in Rom. Tommaso wurde mit knapp sechzig Vater einer Tochter, die er zwar liebt, aber die dennoch seine Beziehung zu seiner Frau Nikki vor neue Herausforderungen stellt. Der Lebemann gibt Schauspielunterricht, schreibt ein Drehbuch und geht regelmäßig zu den Treffen der anonymen Alkoholiker, all diese Unternehmungen folgen keinem dramaturgischen Prinzip, sondern zeigen die Vielschichtigkeit dieser vermeintlich komplexen Figur. Die Charakterstudie ist an die Biografie des Regisseurs Abel Ferrara angelehnt, seine Frau Christina und seine Tochter Anna sind an der Seite von Willem Dafoe zu sehen. Im Großen und Ganzen fehlt „Tommaso“ eine klare Struktur. Der Sinn der vielen improvisierten Szenen lässt sich auch nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Werk nicht erahnen. Die Aneinanderreihung von nackten Frauen ist hier genauso geschmacklos wie die unüberlegte Kameraarbeit, daran kann auch ein bemühter Willem Dafoe nichts ändern.

Ema

Nachdem Emas und Gastons Adoptivsohn Polo das Gesicht seiner Tante durch einen Feuerangriff entstellt, wird er zurück zu den Behörden geschickt. Die angeschlagene Beziehung der engagierten Tänzerin und des exzentrischen Choreografen findet nach dem Familiendrama ihr jähes Ende. Während der Scheidung entfacht Emas Leidenschaft zu neuem Leben und sie angelt sich eine Liebhaberin nach der anderen. Durch den Genremix gehört „Ema“ zu einem der skurrilsten Filme des Viennale-Programms. Pablo Larrain katapultierte sich 2012 mit seinem radikalen Oscar-Hit "NO" zu den gefragtesten Regisseuren Südamerikas und scheut auch hier nicht davor zurück seine Figuren in Fettnäpfchen treten zu lassen. Die Hauptfigur Ema läuft mit einer scheinbar übernatürlichen Gelassenheit durch die Welt und manipuliert Menschen mit einer derartigen Skrupellosigkeit, dass man ihr am liebsten die perfekt gestylten Haare ausreißen würde. Auch wenn es eine halbe Stunde braucht, bis man sich an den Humor dieser Tragikomödie gewöhnt hat, ist "Ema" aufjedenfall ein Ticket wert.

Nächste Vorführung: 2.11 um 23:15 im Gartenbaukino

Adam Driver und Scarlett Johansson in einem Scheidungsdrama von Writer/Director Noah Baumbach ("Greenberg", "Frances Ha").