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Filmkritiken
08/12/2019

"Once Upon A Time in Hollywood": Tarantino macht (fast) auf Jarmusch

In seinem neunten Film spielt der Star-Regisseur mit den Erwartungen seiner Fans und nimmt sich alle Zeit der Welt.

Pumkin und Honey Bunny. Klingelt es bei diesen Namen im popkulturellen Langzeitgedächtnis? Richtig. Es sind die Kosenamen des Pärchens, das am Anfang von "Pulp Fiction" (1994) nach einem kurzen Dialog über das Ausrauben von Schnapsläden aufspringt und das Restaurant überfällt. Im Verlauf des Films haben sie eine untergeordnete Rolle, aber der Einstieg in den Film ist legendär.

Oder wer kann sich nicht an die fantastische Eröffnungsszene von "Inglorious Basterds" (2009) in der Hütte irgendwo in Frankreich erinnern? Was danach kam, war ein ebenso wilder Ritt wie der misslungene Raubüberfall in "Reservoir Dogs" (1992), dem ein zickiges Gespräch einer Runde knallharter Männer über die Songs von Madonna vorausging.

Quentin Tarantino hatte bisher ein Faible für theatralische Einstiege in seine Filme, obwohl dieses französische Wort ja für "Schwäche" steht und somit in diesem Kontext völlig fehlplatziert ist. Der Einstieg mit einem Knall, der uns von Anfang an in den Bann der Charaktere und der Geschichte zieht, ist natürlich ein unverkennbares Markenzeichen von Tarantino, eine seiner vielen Stärken. Danach ging es für gewöhnlich mit einem ebenso atemberaubenden Plot weiter. Nicht immer so kunstvoll erzählt wie bei "Pulp Fiction", aber immer mit smarter Dramaturgie und unerwarteten Wendungen.

 

Tarantino geht es diesmal langsam an

"Once Upon a Time in Hollywood", der neunte Film des Star-Regisseurs, beginnt mit einer nüchternen Reprise der Karriere des abgehalfterten Schauspielers Rick Dalton in Form einer Trailer-Show. Das ist schon irgendwie typisch Tarantino, aber nicht wirklich mitreißend. Im weiteren Verlauf des Films gibt es wieder ein paar ausgefeilte Dialoge, aber die faszinierende Rahmenhandlung fehlt diesmal weitgehend. Erst ganz zum Schluss kommt Tarantino in gewohnter Weise zur Sache.

Wer sich also vom neuen Tarantino-Film wieder einen atemberaubende Action-Plot erwartet, garniert mit detailreichem Gequatsche und blutiger Gewalt, wird diesmal wohl enttäuscht werden. Viele werden jetzt denken: Das wurde auch über "Jackie Brown" (1998) gesagt. Nein! Nein! Und nochmal: Nein! So ist das nicht gemeint. In diesem (für Tarantino-Verhältnisse) zwar recht ruhigen Film passiert so viel mehr als in "Once Upon A Time in Hollywood". Von der ersten Sekunde an zieht uns Tarantino in den Bann seiner smart erzählten Heist-Story.

Hingegen beginnt "Once Upon A Time in Hollywood" weder mit einem Knall, noch wird die darauffolgende Geschichte besonders ausgefeilt erzählt. Wir begleiten Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinen besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt) an zwei Tagen im Februar des Jahres 1969 durch Los Angeles. Ziemlich linear und weitgehend ohne echte Action. Letztere wird von Tarantino immerhin durch spektakulär gefilmte Autofahrten durch das alte Hollywood kompensiert, hinterlegt mit einem wie immer markanten Soundtrack. Die von vielen Kritikern zitierte Hymne Tarantinos auf das Hollywood seiner Kindheit findet vor allem visuell statt. Viele Szenen dienen nur dazu, Los Angeles so auferstehen zu lassen, wie er es in Erinnerung hat. Zur Handlung tragen sie oft wenig bei.

Zwei volle Stunden folgen wir Rick und Cliff durch Los Angeles. Rick ist der ehemalige Star der Westernserie "Bounty Law" und hat auch ein paar Actionfilme gedreht. Mit seiner Karriere geht es abwärts. Das treibt ihm bei jeder Gelegenheit die Tränen in die Augen. Er wird nur noch als B-Movie-Schurke gebucht, was uns einen der wunderbaren, aber diesmal seltenen Tarantino-Dialoge über diese Casting-Entscheidung beschert.

Sein bester Freund Cliff hatte hingegen nie eine echte eigene Karriere. Er war und ist einfach nur in allen Filmen das Stunt-Double von Rick. Damit kann er aber gut leben. Er ist im echten Leben der knallharte Typ, den Rick in seinen Filmen immer spielt. In ikonischen Bildern wird er als cooler Anti-Held inszeniert, der einem Gerücht zufolge sogar seine Frau ermordet hat und damit davongekommen ist. Die coolste Actionszene des Films findet in einem Rückblick statt, bei dem Cliff gegen Bruce Lee (Mike Mohantritt. Mit der eigentlichen Handlung hat auch das nichts zu tun.

Sharon Tate (Margot Robbie), die von der irren Manson-Family am 9. August desselben Jahres ermordete Schauspielerin, spielt nur eine Nebenrolle. Sie ist die direkte Nachbarin von Rick am exklusiven Cielo Drive in Hollywood.

Charles Manson und einige seiner Jünger kommen auch vor. Kurz!

Aber eigentlich dreht sich alles nur um den weinerlichen Schauspieler Rick und seinen wortkargen Kumpel Cliff, der ihm auf Schritt und Tritt folgt. Ein Buddy-Movie also? Könnte man sagen.

 

Tarantino macht auf Jarmusch

Bekannte Gesichter aus vergangenen Tarantino-Filmen tauchen auf: Michael Madsen, Zoë Bell, Kurt Russell, Bruce Dern. Ergänzt durch neue Stars wie Al Pacino, Timothy Olyphant und Margot Robbie.

Sharon Tate begleiten wir einmal ins Kino, kurz auch zu einer Party. Aber selbst die nicht unwesentliche Rolle von Robbie wirkt eher wie ein Cameo-Auftritt. Alle Figuren außer Rick und Cliff ziehen nur beiläufig vorbei. Keine Spur von dem Gewimmel an markanten Charakteren, das wir sonst in Tarantinos Filmen erleben.

Der Film plätschert dahin. Jim Jarmusch könnte es nicht besser machen.

Dann plötzlich, mitten im Film: Spannung und die Rückkehr der sonst bei Tarantinos Filmen ständig präsenten Frage im Kopf, was wohl in den nächsten Sekunden passieren wird? Cliffs Besuch auf der Spahn Movie Ranch ist der eindeutige Höhepunkt des Films, vom Finale abgesehen. In der heruntergekommenen Western-Stadt hatte sich die Manson-Family eingenistet. Die dort lebende Hippie-Kommune kommt Cliff seltsam vor, weshalb er nachsieht, wie es dem Besitzer George Spahn (Bruce Dern) geht, den er von früher kennt.

Creepy!

Danach übernimmt wieder der Jarmusch in Quentin Tarantino.

 

Nach der Action kommt der eigentliche Twist

Erst im letzten Viertel des Films springt die Handlung vom Februar in den August 1969. Es ist der Abend der Ermordung von Sharon Tate in ihrem Haus am Cielo Drive, direkt neben dem Haus von Rick Dalton.

Spätestens jetzt kommen Tarantino-Fans, die Wert auf gewohnte Ware legen, voll auf ihre Kosten – auch wenn der fiktive Twist echte Tarantino-Kenner wohl nicht wirklich überraschen wird. Aber egal, denn die eigentliche Überraschung ist eben nicht das Action-Finale.

Bei "Once Upon a Time in Hollywood" lässt ein selbstverliebter Quentin Tarantino voll den Jarmusch raushängen. Ohne Kompromisse folgt er den Protagonisten und nimmt sich alle Zeit der Welt, um mit der Kamera einzufangen, was immer ihm am Herzen liegt. Egal ob es die Handlung vorantreibt oder nicht. Das erinnert paradoxerweise an den Zugang der langsamen, unaufgeregten Filme von Jim Jarmusch, freilich im unverkennbaren Tarantino-Style. Zum Glück ist der Mann ein Meister der Inszenierung. Denn die insgesamt 160 Minuten des Films vergehen trotzdem wie im Fluge – und das ist angesichts der Tatsache, dass eigentlich nicht viel passiert, schon eine Meisterleistung. Nur wenige Filmemacher schaffen es, so wenig Story so ausgedehnt zu erzählen, ohne das Publikum zu verlieren.

Ist "Once Upon A Time in Hollywood" nun das nächste Meisterwerk von Quentin Tarantino? Oder einfach nur ein weiteres Werk des Meisters? Das ist wohl vor allem eine Geschmacksfrage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Es ist auf jeden Fall ein Film geworden, den Tarantino vor allem für sich selbst gemacht hat.