Filmkritik: Motherless Brooklyn

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Filmkritik
12/10/2019

"Motherless Brooklyn": Edward Norton als Schnüffler mit Tourette

Der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor zieht alle Register und liefert einen Noir-Krimi mit großartigem Jazz-Soundtrack ab.

von Erwin Schotzger

Hartgesottene Privatdetektive haben eine lange Tradition im Kino. Die Spur der Hard-Boiled-Detectives lässt sich bis in die Anfangstage des Kinos zurückverfolgen. Im Laufe der Zeit haben sie in Kino und TV viele verschiedene Inkarnationen angenommen: Sam Spade ("Die Spur des Falken"), Philip Marlowe ("Der Tod kennt keine Wiederkehr"), Jake Gittes ("Chinatown"), aber auch nicht ganz so harte Burschen wie etwa Lionel Essrog in "Motherless Brooklyn".

Edward Norton spielt den am Tourette-Syndrom leidenden Privatdetektiv in seiner zweiten Regiearbeit nach "Glauben ist alles!" (2000). Neben Hauptrolle und Regie hat Norton bei seinem Herzensprojekt "Motherless Brooklyn" auch gleich Produktion und Drehbuch selbst übernommen. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem. Allerdings weicht Norton in seinem Drehbuch von der Literaturvorlage in einigen wesentlichen Aspekten ab, was aber dem Film nicht unbedingt schadet. Im Gegenteil: Während das Buch in New York City Ende der 80er-Jahre spielt, siedelt er seinen Film Mitte der 50er-Jahre an. Das Ergebnis ist eine ambitionierte und weitgehend gelungene Hommage an klassische Film-Noir-/Hard-Boiled-Detective-Filme.

Hommage an Film-Noir und Hard-Boiled-Detective-Krimis

Lionel Essrog (Norton) leidet zwar am Tourette-Syndrom, hat aber einen scharfen Verstand. Er ist einer von fünf Privatschnüfflern in der Detektei von Frank Minna (Bruce Willis). Minna ist nicht nur sein Chef, sondern auch sein Mentor und Freund. Als er beim Versuch einen heiklen Deal auszuhandeln, erschossen wird, ist Lionel der Einzige, der sich ernsthaft an die Aufklärung des Falles macht. Welche Entdeckung hat Minna das Leben gekostet?

Die Spur seines letzten Falles führt Lionel zur Aktivistin Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw). Die hübsche Tochter eines Jazzclub-Besitzers engagiert sich für Afro-Amerikaner in Brooklyn, denen durch Bauprojekte im Zuge der Stadtentwicklung die Delogierung droht. Er folgt der Spur weiter und steht bald vor dem Büro des mächtigen New Yorker Baustadtrates Moses Randolph (Alec Baldwin), der ebenso fortschrittlich wie rassistisch ist. Seine Bauprojekte für die wachsende Großstadt setzt er vor allem auf Kosten von Afro-Amerikanischen Bürgern und Bürgerinnen um.

Im Buch spielt sich der Fall vor dem Hintergrund der Gentrifizierung der Stadt Ende der 80er-Jahre ab. Im Film dient der Stadtplaner Robert Moses als historisches Vorbild, dem bei der Ausrichtung New Yorks auf den modernen Autoverkehr (Highways statt öffentliche Verkehrsmittel) rassistische Motive unterstellt wurden. Das historische Vorbild vermischt sich mit zeitgemäßen Referenzen: Die Rolle des korrupten, machtgierigen Politikers ist (fast zu) eindeutig auf Donald Trump gemünzt, was durch die Besetzung der Rolle mit Baldwin noch zusätzlich unterstrichen wird (Baldwin parodiert Trump regelmäßig in der US-Satireshow "Saturday Night Live").

Crime-Story mit großartigem Jazz-Soundtrack

Edward Nortons "Motherless Brooklyn" kann durchaus mit Klassikern wie John Houstons "Die Spur des Falken" oder Roman Polanskis "Chinatown" mithalten. Zwar startet der Film ein wenig holprig. Anfangs wirkt Nortons Darbietung des Tourette-Syndrom-geplagten Detektivs ein wenig zu überambitioniert und übertrieben. Doch bald zieht das letztendlich doch beeindruckende Schauspiel Nortons sowie die durchwegs sehenswerte Besetzung den Zuschauer in den Bann der spannenden Detektivgeschichte, die darüber hinaus auch mit wunderbaren Aufnahmen der Stadt und mit einem großartigen Jazz-Soundtrack überzeugt.

 

Edward Norton will als Privatdetektiv mit Tourette-Syndrom im New York der 50er Jahre den Mord an seinem Mentor aufklären.