Filmkritik: Jojo Rabbit (2020)

© Walt Disney Company

Filmkritik
01/17/2020

"Jojo Rabbit": Wenn der imaginäre Freund als Führer enttäuscht

Regie-Zampano Taika Waititi gelingt die Gratwanderung zwischen bissiger Satire und einfühlsamer Tragikomödie.

von Erwin Schotzger

Imaginäre Freunde können recht unterschiedliche Formen annehmen: In "Mein Freund Harvey" (1950) war er ein über zwei Meter großer Hase; in "Mein böser Freund Fred" (1991) eine koboldartige Nervensäge; in "Fight Club" (1999) ein anarchistischer Revoluzzer und in der Serie "Happy" ein geflügeltes Mini-Einhorn mit ziemlich losem Mundwerk. Es kommt eben sehr stark auf die Freunde der imaginären Freunde an. Deren Fantasie entspringen sie nämlich. Eines haben jedoch alle gemeinsam: Sie existieren in der Fantasy ihrer Schöpfer, um deren Unsicherheiten und Ängste in der Realität auszugleichen.

Der zehnjährige Johannes (Roman Griffin Davis), genannt Jojo, ist ein Hitlerjunge. Mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson) lebt er in einer Kleinstadt in Deutschland. Sein Vater ist an der Front, seine ältere Schwester verstorben. Das Ende des Krieges ist absehbar: Nazi-Deutschland befindet sich in einem absurden Abwehrkampf bis zum letzten Mann und Kind.

Kein einfaches Umfeld für einen schmächtigen Zehnjährigen. Kein Wunder, dass sich der Junge den mächtigsten imaginären Freund aussucht, den er sich vorstellen kann: Adolf Hitler.

Jojo Rabbit (2020)

Adolf Hitler als imaginärer Freund

Der imaginäre Adolf spiegelt natürlich Jojos ideologische Indoktrination wider, ist aber auch so wie sich ein zehnjähriger Junge in Nazi-Deutschland den Führer wünschen würde: Ein echter Freund, der Jojo Mut zuspricht und ihn anfeuert. Dabei schießt Adolf manchmal übers Ziel hinaus – und mit ihm Jojo: Beim Hantieren mit einer Granate wird der Hitlerjunge verletzt, weshalb er in Zukunft zuhause bleiben darf.

Seine Mutter ist vielbeschäftigt (womit stellt sich erst später heraus), Jojo daher oft alleine im Haus. Als er im ehemaligen Zimmer seiner verstorbenen Schwester seltsame Geräusche hört, stolpert er über ein schreckliches Geheimnis: Im Hohlraum hinter der Wand versteckt sich ein Judenmädchen.

Für Jojo beginnt ein Horror-Trip. Schließlich hat er ein recht klares Bild von "den Juden": Sie sind Monster! Noch dazu droht Elsa (Thomasin McKenzie) dem eingeschüchterten Jungen damit, ihm die Kehle aufzuschlitzen, sollte er ihr Versteck verraten. Nicht zuletzt ist auch das Leben seiner Mutter in Gefahr. Immerhin hat sie Elsa im Haus versteckt. Jojo muss sich daher mit Elsa arrangieren.

Sein imaginärer Freund Adolf ist natürlich sofort mit Rat und Tat zur Stelle. Doch immer öfter muss Jojo feststellen, dass nicht alles stimmt, was sein imaginärer Führer verzapft. Könnte es tatsächlich sein, dass sein bester Freund ihn belügt und Elsa doch kein blutrünstiges Monster ist?

Bissige Satire und einfühlsame Tragikomödie

Regisseur Taika Waititi ("Fünf Zimmer Küche Sarg", "Thor – Tag der Entscheidung"), der auch Adolf Hitler spielt, hat eine ebenso bissige wie einfühlsame Satire über die rassistische Indoktrination der Nazis gemacht. Der humorvolle, aber auch traurige Film erinnert an "Das Leben ist schön" (1997) von Roberto Benigni. Nur wird das Kind hier nicht von einem Erwachsenen vor der Realität beschützt. Vielmehr befreit sich Jojo durch seine Warmherzigkeit und Offenheit selbst aus der Umgarnung durch die rassistische Nazi-Ideologie.

Durch den Kunstgriff, die abstrakte Indoktrination zu personifizieren, wird der innere Konflikt von Jojo sehr amüsant – mitunter auch ein wenig schräg – veranschaulicht. Der humorvolle, oft auch sarkastische Blick auf Nazi-Deutschland kurz vor dem Kollaps beschränkt sich aber nicht nur auf den imaginären Adolf. Sam Rockwell spielt einen desillusionierten Wehrmachtsoffizier, der Jojo letztendlich rettet, aber dennoch in die allerletzte Schlacht zieht. Rebel Wilson zeigt als fanatische Ausbildnerin überhaupt keine Anzeichen von Einsicht oder Reue. Beide führen die Absurdität des Nazi-Systems sehr plakativ vor Augen.

Mitunter könnte die Gelassenheit, mit der Waititi an das ernste Thema herangeht, hierzulande als zu locker und versöhnlich interpretiert werden. Trotzdem gelingt dem neuseeländischen Regisseur und Drehbuchautor mit "Jojo Rabbit" die Gratwanderung zwischen bissiger Satire und einfühlsamer Tragikomödie, zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.

 

Ein Hitlerjunge, dessen imaginärer Freund Adolf Hitler ist, findet heraus, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen in ihrer Wohnung versteckt.