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Filmkritik
03/06/2019

"Captain Marvel": Fulminanter Auftritt der ersten Marvel-Superheldin

Die dreifache Originstory bereichert das MCU um eine erfrischende Heldin, geizt aber mit üblichen Hinweisen auf den nächsten Marvel-Film.

von Erwin Schotzger

Captain Marvel, bitte kommen! Im Marvel Cinematic Universe (MCU) wartet zurzeit alles gespannt darauf, wie die als "Avengers" bekannten Superhelden ihre epische Niederlage gegen den galaktischen Oberbösewicht Thanos aus der Welt schaffen. Seit der Post-Credit-Szene von "Avengers: Infinity War" ist klar, dass dabei erstmals eine Frau eine zentrale Rolle spielt: Captain Marvel ist eine der mächtigsten Superheldinnen im Marvel-Universum, vergleichbar mit Wonder Woman im Superhelden-Universum von DC. Doch die blonde Heldin ist in keinem der bisher 20 MCU-Filme seit 2008 aufgetaucht. Im 21. MCU-Actionspektakel ist es nun endlich soweit.

 

Wer ist Carol Danvers?

Wir schreiben das Jahr 1995. Eine blonde Kree-Kriegerin (Brie Larson), die ziemlich menschlich aussieht, kracht durch die Decke einer Blockbuster-Videothek. Die Alien-Rasse der Kree kennen wir bereits aus "Guardians of the Galaxy". Die besagte Kriegerin ist ein sehr spezielles Mitglied einer Militäreinheit des Kree-Imperiums namens Starforce. Auch ohne ihre Superkraft – sie kann Laser-artige Energiestöße aus ihren Händen feuern – ist sie nicht zu unterschätzen. Ihr Mentor, Starforce-Leader Yon-Rogg (Jude Law), lehrt sie, diese Superkraft zu kontrollieren.

Bei einer Operation gegen die Spezies der Skrulls, terroristische Gestaltwandler im Krieg mit den Kree, wird sie von ihrer Einheit getrennt und landet schließlich auf der Erde. Doch obwohl sich die Kree-Kriegerin hier fremd fühlen sollte, ist das Gegenteil der Fall. In Flashbacks erinnert sie sich an eine Vergangenheit auf diesem rückständigen Planeten mit dem Kree-Code C-53. Später erfahren wir, dass sie noch vor sechs Jahren als Air-Force-Pilotin Carol Danvers auf der Erde gelebt hat.

Gleich als Erstes telefoniert die pflichtbewusste Kree-Kriegerheldin (so ihre Selbstbezeichnung) nach Hause. Viel effizienter als E.T., indem sie jedes Festnetztelefon in ein intergalaktisches Walkie-Talkie verwandelt. Ihre Einheit macht sich sofort auf den Weg zur Erde, doch die Skrulls sind schon da.

Kurz versucht sie noch den beiden S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) und Phil Coulson (Clark Gregg) die Lage mit den fiesen Gestaltwandler-Aliens zu erklären. Aber Superhelden und Aliens sind für Fury und Coulson Mitte der 90er-Jahre noch Fantasy und Science-Fiction. Dafür ist einfach keine Zeit.

Zum Glück hat Fury schon während der ersten Verfolgungsjagd (und einer von mehreren cineastischen Referenzen des Films: in diesem Fall "French Connection") seinen persönlichen Alien-Erstkontakt. Somit wäre das auch geklärt. Fury und die (erste) Superheldin machen sich auf die Suche nach einer Frau, die Carol aus ihren Träumen kennt und hinter der auch die Skrulls her sind. Von ihr wird sie später ihren ikonischen Namen ableiten.

 

Dreifache Ursprungsgeschichte

Der erste Solofilm einer Marvel-Superheldin ist ein schwungvoller und witziger Ausflug in die 90er-Jahre: Tony Stark wird seine erste Iron Man-Rüstung erst in 13 Jahren bauen, Captain America liegt noch auf Eis und Thor prügelt sich noch in Asgard mit Riesen.

Doch "Captain Marvel" ist nicht nur eine Originstory für die gleichnamige Heldin, sondern auch für den schon länger bekannten Nick Fury. Das digitale De-Aging von Samuel L. Jackson macht's möglich. Zugegeben, die Story, wie Fury sein Auge verlor, haben wir uns ein wenig spektakulärer vorgestellt. Aber abgesehen davon zeigt der Film auch die durchaus spannenden Ursprünge des Marvel Cinematic Universe.

Die Reise in die Vergangenheit macht dem Regie-Duo Anna Boden und Ryan Fleck sichtlich Freude. Mit cineastischen Referenzen von "French Connection" über "Top Gun" bis zu "Star Wars" wird nicht gespart. Die amüsante Detailverliebtheit des Films sorgt immer wieder für Retro-Nostalgie: Blockbuster-Videotheken statt Netflix-Streaming, Alta Vista statt Google-Suche, PC-Ladezeiten statt Highspeed-Internet.

 

Perfektes Popcorn-Kino mit erfrischender Action-Heldin

Nicht ganz so Retro ist die Heldin. Der Film spielt gekonnt mit der seit den 80er-Jahren bekannten Ikonografie des (männlichen) Actionhelden. Diese Heldin hat sich schon als Mädchen nicht unterkriegen lassen, ist immer wieder mit einem coolen Spruch und einem Lächeln auf den Lippen aufgestanden. Die Badass-Gelassenheit mit der Brie Larson die Actionheldin spielt, erinnert nicht zufällig an Tom Cruise als Maverick in "Top Gun". Aber wenn es passt, werden die Klischees auch auf den Kopf gestellt: Zur Actionfilm-Tradition des vermeintlich fairen "Mann gegen Mann"-Showdowns – soll heißen: Zweikampf ohne Einsatz ihrer Superkräfte – lässt sich Carol nicht provozieren. Boom! Und schon fliegt der Schurke durch die Luft. Die neue Marvel-Superheldin muss niemandem etwas beweisen.

"Captain Marvel" ist erfrischend amüsante Superhelden-Action mit Retro-Nostalgie und einer coolen Frauenfigur im Mittelpunkt. Sogar ein niedliches Kätzchen ist dabei. Perfektes Popcorn-Kino! Nur eines fehlt dem neuen Marvel-Abenteuer: Der übliche Teaser wie es in "Avengers: Endgame" weitergehen könnte. Marvel geizt diesmal mit Hinweisen auf den nächsten Film. Wohl keine schlechte Strategie für den großen Showdown der Marvel-Superhelden am 25. April.